Und die Moral von der Geschichte …

Und die Moral?

Jenseits von Gut und Böse: Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind

Dass Übersetzer und Dolmetscher oft auch eine moralische Verantwortung tragen, ist bestimmt nichts Neues. Aber macht man sich als – in diesem Falle – Dienstleister auch moralisch „mitschuldig“ wenn man seine Übersetzerdienst für bestimmte Kunden und/oder Projekte zur Verfügung stellt? Ganz ehrlich, bisher habe ich mir darüber noch nicht recht viele Gedanken gemacht. Natürlich, Texte, die auch nur ansatzweise mit den Klassikern unter den moralisch verwerflichen Themen zu verbinden sind – u.a. Menschenhandel, Pädophilie, kriminelle oder rassistische Organisationen – werden kategorisch abgelehnt. Aber so viele Anfragen habe ich in der Richtung ja auch noch nicht erhalten. Welcher Mafiaboss wendet sich schon an eine kleine Agentur, um seine Morddrohungen in die entsprechenden Sprachen übersetzen zu lassen (damit der Empfänger auch wirklich versteht, dass es dem Absender – im wahrsten Sinne des Wortes – todernst ist).

Jedenfalls hat mich (A) vor wenigen Tagen eine Freundin (F) aus Ägypten kontaktiert:

F: Sag mal, du übersetzt doch immer wieder mal für den Reiseveranstalter xxx?

A: Ja, warum?

F: Der bietet seinen Gästen nun Ausflüge in das Delfinarium xxx an … das, in dem die Tiere unter ganz furchtbaren Bedingungen gehalten werden.

A: Oh …

Natürlich wusste ich sofort, welches Delfinarium sie meint – hatte ich doch sämtliche Petitionen nicht nur unterschrieben, sondern auch fleißig auf Facebook, Twitter & Co. geteilt. Und ich hatte die Petitionen sogar noch übersetzt, damit noch mehr Unterschriften gesammelt werden konnten, um diesen Tierquälern endlich das Handwerk zu legen.

Und da verkauft mein Kunde fröhlich Ausflüge in besagtes Delfinarium an seine Gäste!

Gerade hatte ich mich aus einem tiefen Auftragsloch wieder hochgekämpft. Wir sind erst vor Kurzem umgezogen, die neue Wohnung ist noch ziemlich leer – es fehlt an allen Ecken. Und bald kommt die erste Heizrechnung, die muss ja auch bezahlt werden, wenn wir nicht frieren wollen. Außerdem war die neue Handtasche endlich wieder zum Greifen nah … was tun?

Muss nur noch kurz die Welt retten …

Vor allem seit Facebook ist es ja sehr einfach, Petitionen zu unterschreiben, wohltätige Projekte mit einem Klick zu unterstützen, den Gutmenschen raushängen zu lassen. Aber wie viel ist dieses Engagement wert, wenn uns dafür etwas abverlangt wird? Wenn es mit unserem persönlichen Leben, unserem Wohlfühlbereich, in Konkurrenz gerät?

Bearbeiten zum Beispiel Übersetzer, die überzeugte Vegetarier sind, Texte für Wursthersteller? Oder machen das nur die, die lediglich aus gesundheitlichen Gründen auf Fleischprodukte verzichten?

Und dürfen denn – rein moralisch gesehen – eingefleischte (kleines Wortspiel am Rande) Veganer für Firmen arbeiten, die Lederwaren produzieren?

Es gibt unzählige Firmen, die ihre Produkte sehr kostengünstig in Dritte-Welt-Ländern herstellen lassen – oft unter unmenschlichen Bedingungen für die Arbeiter in diesen Ländern. Ich sag nur: Produktbeschreibungen in 10 + Sprachen.

Und was ist mit den ganzen Monsanto-Produkten, die weltweit verkauft werden? Laut Facebook sind wir ja quasi alle total dagegen und empören uns und finden es einfach nur absolut zum Kotzen … aber jemand muss doch auch für diese Firmen übersetzen.

Ach, ich könnte diese Liste jetzt noch unendlich weiterführen … aber ich glaube, dass ich meinen Punkt bereits klar gemacht habe.

Natürlich muss jeder für sich selbst entscheiden, wie groß der persönliche Einsatz zur Rettung der Welt ist. Worauf bin ich bereit zu verzichten, um Projekte, die mir wirklich am Herzen liegen, ernsthaft und tatkräftig zu unterstützen? Also nicht nur mit einem Klick oder mit einer digitalen Unterschrift.

Und die Moral von der Geschichte?

Ich persönlich bin bereit, auf meine neue Handtasche zu verzichten. Ich habe dem Reiseveranstalter geschrieben, dass ich leider nicht mehr für ihn übersetzen kann, solange er Ausflüge ins Delfinarium anbietet. Zudem habe ich sämtliche Informationen zu den Missständen im Anhang mitgesandt, um ihm meine Entscheidung zu erklären. Ob ihn das interessiert, das weiß ich nicht. Mal sehen.

Aber ganz ehrlich … dieser Reiseveranstalter zählt nicht zu meinen großen Kunden. Wie es aussehen würde, wenn ich nicht nur auf eine (weitere) Handtasche verzichten müsste, um mein Gewissen zu beruhigen, sondern mit größeren Einbußen zu rechnen hätte … das kann ich wohl erst beantworten, wenn ich wirklich vor dieser Entscheidung stehe.

Wie handhabt ihr solche Fälle? Mich (und viele andere bestimmt auch) würde das echt interessieren. Hier unten könnt ihr an der Umfrage teilnehmen. Sie ist absolut anonym, ihr dürft also ganz ehrlich sein:

Und hier noch ein Buchtipp

Warum sind Rosen aus Kolumbien böse? Was ist in den Lebensmitteln aus dem Supermarkt so alles drin? Welches meiner Kleidungsstücke wurde von einem Kind hergestellt? Was würde das Kind tun,nähte es nicht meine Kleidung? Und wie erkenne ich, wo ich einkaufen darf und wo nicht? In der Tradition Morgan Spurlocks („Supersize Me!“) schildert Stefan Kuzmany die Geschichte seiner Suche nach Antworten — schnell erzählt, informativ und immer unterhaltsam.

Gute Marken - Böse Marken

photo credit: ollily via photopin cc

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4 Antworten zu “Und die Moral von der Geschichte …

  1. Gute Frage! 🙂 Ich habe durchaus schon einige Male „Nein“ gesagt: bei Angeboten unseriöser Geldanlagen zum Beispiel, oder bei Rüstungsfirmen. Da fiel mir das nicht schwer, aber es ist halt auch nicht alles immer so schwarz/weiß, dass solche Entscheidungen immer einfach wären. Wie man am hier geschilderten Beispiel sieht… :-). Hut ab für diese Entscheidung, ich weiß ganz ehrlich nicht, ob ich wirklich so konsequent gewesen wäre.

    Die schwierigste Frage ist doch auch, wie ich im Einzelfall darüber entscheide, wo moralische Integrität anfängt und wo sie aufhört? Kann ich für eine Firma arbeiten, die ihren Mitarbeitern keine Mindestlöhne zahlt? Oder muss sie illegale Rüstungsexporte betreiben, bevor ich mit einer Absage reagiere? Weiß ich das überhaupt? 🙂 Schließlich durchleuchte ich meine Kunden nicht, bevor ich für sie arbeite. Nein, ich arbeite nicht für jeden. Das sehe ich als einen der großen Vorteile der Freiberuflichkeit, dass ich mir aussuchen kann, was und für wen ich arbeite. Aber ich glaube erstmal an das Gute im Menschen (und ja, auch in Unternehmen 🙂 ). Und verlasse mich auf mein Gefühl. Und wenn das laut „Nein“ ruft, dann sage ich auch freundlich aber bestimmt ab…

    Danke für diesen Artikel und die wichtige Frage dahinter, die wir alle uns viel häufiger stellen sollten, dann wäre schon einiges gewonnen… :-).

    • Du sagst es genau richtig, liebe Katja: Wo fängt es and und wo hört es auf? Eine Antwort darauf kann jeder nur für sich selbst finden.
      Ich wollte ganz einfach die Frage in den Raum werfen, um vielleicht den einen oder anderen zum Nachdenken zu bringen 🙂

  2. Ja, auch wenn jeder für sich selbst entscheiden muss – aber es ist gut, dass Du diese Fragen stellst. Und wie Du Dich damit auseinandersetzt – sehr ehrlich (und ehrenswert, entschuldige dieses leicht altmodische Wort). Andere würden über solche Dinge nicht mal nachdenken…

  3. Pingback: Und die Moral von der Geschichte … | Nur ein Denker.

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