Der Alltag eines freiberuflichen Übersetzers

Viele Übersetzer aÜbersetzerrbeiten zu Hause, was oft zu Missverständnissen führt. Denn der Übersetzerberuf wird von vielen Menschen als Nebentätigkeit empfunden, nicht als richtiger Beruf.

Den Anstoß zu diesem Artikel habe ich einem Eintrag auf meiner Facebook-Seite „Übersetzercouch“ zu verdanken. Dort schrieb neulich eine Kollegin: „Meine Nachbarn halten mich wohl für einen Hartz-IV-Fall. Weil ich arbeite ja nie! Ich bin ja immer daheim!“ Das klingt im ersten Moment nach einem Witz, entspricht aber in den meisten Fällen der Realität. Denn in den Augen vieler Menschen ist nur der arbeitstätig, der morgens pünktlich um 8 Uhr aus dem Haus geht und mindestens 5 Stunden an einem richtigen Arbeitsplatz verbringt.

Mal ganz abgesehen vom eigentlichen Übersetzen (das ist die Übertragung von Dokumenten aus einer Sprache in eine andere), betreiben freiberufliche Übersetzer im Grunde eine zeitaufwendige One-Man-Show. Als Übersetzer ist man der Verantwortliche seiner eigenen Marketingabteilung. Einen großen Teil der Zeit verbringt man vor allem am Anfang der Karriere mit dem Schreiben von Bewerbungen und Angeboten an Übersetzungsbüros oder an private Kunden. Denn ohne Übersetzungsaufträge kommt auch kein Geld ins Haus. Oder aber man nimmt sich die Zeit und trägt sich auf einer oder mehreren Übersetzerplattformen ein: Dort darf man dann – entweder kostenlos oder gegen eine jährliche Gebühr – für Übersetzungsaufträge bieten und hoffen, dass man den Zuschlag bekommt. Irgendwann hat man dann genügend Stammkunden, um sich nicht mehr immer und überall bewerben zu müssen. Dennoch ist es ratsam, mit der Selbstvermarktung nicht ganz aufzuhören – man weiß ja nie.

ÜbersetzerlebenAls freiberuflicher Übersetzer ist man dann auch sein eigener Buchhalter: Man schreibt also Angebote, Rechnungen und natürlich auch Mahnungen. Da man mit den meisten Kunden keinen persönlichen Kontakt hat, sondern oft nur über E-Mail kommuniziert, kommt es immer wieder einmal vor, dass Kunden nach Erhalt der Übersetzung „verschwinden“. Das ist zwar ärgerlich, doch wahrlich keine Seltenheit. Solche Fälle sind wahre Zeitfresser und erfordern viel Geduld. Dann ist man natürlich auch noch seine eigene Sekretärin. Man beantwortet E-Mails und Telefonanrufe, koordiniert Aufträge, organisiert persönliche Treffen oder Skype-Konferenzen mit Kunden und setzt Abgabetermine fest. Man bedankt sich für positives Feedback und nimmt manchmal auch Beschwerden entgegen. Zu guter Letzt ist man als freiberuflicher Übersetzer auch „ewiger Student“. In unserem Beruf hört die Weiterbildung nie auf – egal, ob es sich um neue Übersetzungstechnologien handelt, um ein neues Fachgebiet oder um neue Wörter und Ausdrucksweisen, die jedes Jahr in den Sprachgebrauch aufgenommen werden. Man lernt einfach nie aus.

Übersetzer haben es also nicht immer leicht. Dennoch schätze ich mich persönlich glücklich, diesen Beruf ausüben zu dürfen. Ich arbeite zwar wahrscheinlich mehr als viele andere, bin aber dafür mein eigener Boss. Wenn ich viel arbeite, dann verdiene ich viel, und wenn wenig, dann eben wenig – aber ich habe es selbst in der Hand. Ich kann im Grunde auch mit dem Unverständnis von Nachbarn und Bekannten leben, nicht jedoch mit Geringschätzung meinem Beruf gegenüber.

Danke für die schönen Bilder:

Martin Gommel

striatic

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8 Antworten zu “Der Alltag eines freiberuflichen Übersetzers

  1. Pingback: Es geht auch anders … | Übersetzercouch

    • Man darf nicht nur – man sollte sogar 🙂 Ich persönlich hab an der Uni Triest ganze 6 Jahre lang „Übersetzer/Dolmetscher“ studiert. Viele Übersetzer haben aber auch nach einem Literatur- und/oder Fremdsprachenstudium eine Weiterbildung zum Übersetzer/Dolmetscher gemacht.

      • Ja, schon, allerdings mach ich mir auch etwas Sorgen, wegen meinen beruflichen Möglichkeiten danach. (auch wenn das noch länger hin ist)
        Und Übersetzten wäre schon irgendwie toll 🙂
        Na ich wär ja schön blöd, wenn ich einen Übersetzer sowas nicht fragen würde 😉

  2. Ich finde den letzten Satz sehr interessant: Ich kann im Grund auch mit dem Unverständnis von Nachbarn und Bekannten leben, nicht jedoch mit Geringschätzung meinem Beruf gegenüber…. Das ist ein hochinteressanter Satz. Ich bin seit 1983 Diplom-Übersetzerin. Meine Sprachkenntnisse sind nie geringgeschätzt worden. Im Gegenteil überall immer wieder Bewunderung und Erstaunen. Nur, wenn es ans Bezahlen geht, dann kommt die Geringschätzung und das ist wirklich unglaublich in unserem Beruf, wie wenig die Menschen bereit sind, für Sprachkenntnisse zu bezahlen…

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